Kann Fruktan (frisches Gras) Hufrehe auslösen?

Tatsache ist, dass viele Fälle von Hufrehe nach der Aufnahme von frischem Gras mit hohem Fruktangehalt auftreten. Deshalb wurde Fruktan in der Vergangenheit auch als eine der Haupt-Ursachen für Hufrehe angesehen. Neuere wissenschaftliche Studien haben allerdings zu völlig neuen Erkenntnissen bezüglich der Entstehung von Hufrehe geführt.
Demnach werden bis zu 90% der Hufrehefälle mit den Hormonstörungen ECS (Equines Cushing Syndrom) oder EMS (Equines Metabolisches Syndrom) in Zusammenhang gebracht. Jedes Pferd mit EMS und ca. die Hälfte aller ECS-Patienten leiden unter einer Störung des Insulinstoffwechsels, der Insulinresistenz. Beim Menschen heißt die vergleichbare Erkrankung Diabetes Typ 2. Die Körperzellen reagieren nicht mehr so gut auf das Insulin, das heißt der Transport des Zuckers aus dem Blut in die Zellen ist mehr oder weniger reduziert. Die Bauchspeicheldrüse versucht das auszugleichen, produziert immer mehr Insulin – und in der Folge steigt der Insulinspiegel im Blut dauerhaft an. Der Tierarzt nennt das Hyperinsulinämie. Damit sind wir beim Kern der Sache. Seit es nämlich gelungen ist, durch Infusionen von Insulin Hufrehe auszulösen, weiß man, dass die Hyperinsulinämie eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Hufrehe spielt.

Und jetzt zurück zum Fruktan, dem Zucker im Gras. Jede Zuckeraufnahme führt im Körper zu einer vermehrten Insulinproduktion. Wissenschaftler haben aber herausgefunden, dass man einem gesunden Pferd oder Pony mindesten 1,5 bis 3 kg reines Fruktan mit einer Sonde eingeben müsste, um eine Hufrehe auszulösen.
Eine so große Menge Fruktan kann ein Pferd mit dem Gras unmöglich aufnehmen!

Hat das Pferd aber bereits eine ausgeprägte Insulinresistenz bzw. Hyperinsulinämie („das Insulin-Fass ist randvoll“), kann es schon ausreichen, wenn das Pferd nur eine Stunde auf der Weide Gras frisst, um den Insulinspiegel im Blut schlagartig nach oben zu treiben und damit Hufrehe auszulösen.

Bildhaft ausgedrückt: Nur bei einem EMS- oder ECS-Patienten mit Insulinresistenz und Hyperinsulinämie bringt der „Fruktan-Tropfen das Insulin-Fass zum Überlaufen“.
Die Erkennung und Behandlung der Hormonstörungen (ECS, EMS) entscheidet also bei der Mehrzahl der Hufrehe-Fälle über eine erfolgreiche Vorbeugung oder Therapie!